Schon im grauen Altertume begegnen wir der ſchönen Sitte, ein Sprichwort, eine kurzgefaßte Weisheitslehre als Wahlſpruch, als Leitſtern und Richtſchnur des Handelns anzunehmen. Meiſt geſellte ſich zum Sinnſpruch ein Sinnbild, um das erwählte Loſungswort ſich und anderen anſchaulich und dadurch eindringlicher zu machen. Agamemnon, der Anführer der Griechen auf dem Zuge gegen Troja, führte einen Bärenkopf im Schilde mit der Umſchrift: „Das iſt der Schrecken der
Menſchen.“ Im Trauerſpiele des griechiſchen Dichters Äſchylus „Die Sieben vor Theben“ erſcheinen alle dieſe Helden mit ſinnbildlichen Figuren und entſprechenden Umſchriften auf den Schilden.
Mit griechiſcher Bildung kam der Brauch nach Rom, und von faſt jedem namhaften Dichter, Gelehrten und Schriftſteller iſt uns ein Sinnſpruch, ein Loſungswort überliefert, welches ſeine Gefühls- und Denkungsweiſe ausdrücken ſollte. Auch die Kaiſer folgten dieſer Sitte.
Die chriſtliche Kirche nahm dieſen Gebrauch auf, heiligte ihn und bildete ihn zur chriſtlichen Symbolik aus. Bei den geiſtlichen und den nach deren Vor bilde geſtifteten weltlichen Ritterorden wurde die Sitte, einen Wahlſpruch zu führen, zur ſtehenden Regel, Durch die Orden kamen die Turniere und Wap pen in Brauch und mit den Wappen die Wappenſprüche. Bald durfte auf keinem Turniere die Schildinſchrift (Deviſe) fehlen, welche man ſtolz „Die Philoſophie des Edelmanns“ oder „Die Sprache der Helden“ nannte, im Gegenſatze zur „Weisheit auf der Gaſſe“, dem vom Volksgeiſte geſchaffenen Sprichworte. Die Wahl eines Denkſpruchs für den zum Ritter geſchlagenen Knappen war eine wich tige Angelegenheit. Einige wählten einen Spruch, der geeignet ſchien, ſie auf dem Pfade der Tugend und der Ehre zu erhalten, andere geheimnisvolle Buch ſtaben und Bildzeichen, ein Brauch, dem der jetzt wieder ſo beliebte Rebus ſeine Entſtehung verdankt.
Die Blütezeit der Spruchpoeſie fällt in den Zeitraum vom Anfange des 15. bis ins 17. Jahrhundert. Allmählich artete der ſchöne Gebrauch in Überladung und gelehrte Spielerei aus. Oft wurden einer und derſelben Perſon eine ganze Reihe Wahlſprüche zugeſchrieben, die vielleicht unter wechſelnden Verhältniſſen gewählt wurden, aber dann aufhörten, einen ſicheren Schluß auf das Weſen ihrer Träger zu geſtatten.
Ein edles Fürſtengeſchlecht wie das der Wettiner, welches immer auf der Höhe ſeiner Zeit ſtand und an deren geiſtigen Bewegungen und Gewohnheiten nicht nur hervorragenden Anteil nahm, ſondern dieſelben ſogar oft weſentlich mit geſtalten half, entzog ſich auch dem ritterlichen Brauche nicht, Wahlſprüche zu erkieſen. Von beinahe allen ſächſiſchen Fürſten ſind uns Sprüche überliefert, die faſt ausnahmslos Eigenart und Geſinnung derſelben knapp und treffend angeben, in jedem Falle aber ein Zeugnis der edlen Abſichten ſind, von denen ihre Träger beſeelt waren.
Eine Zuſammenſtellung dieſer in den Quellenſchriften der vaterländiſchen Geſchichte vereinzelt auftretenden Sprüche liefert den Beweis, daß die Sachſen ſich immerdar des Wortes getröſten konnten: „Wohl dem Lande, des König edel iſt!“[71]
Albrecht der Beherzte (1485–1500). „Ich bin gewohnt, nicht wie Weiber mit Worten, ſondern mit Mut und Fauſt zu kriegen.“
Friedrich der Weiſe (1486—1525). „
„Wenn ein Fürſt ſelbſt iſt ein Kind, Hat Rät’, die unerfahren ſind, Prieſter, die bös Exempel geben, Leut’, die ohne Gottesfurcht leben, Ein’ unverſuchte Ritterſchaft, Ein‘n Adel, der kein’ Tugend acht’t, Ein’n Richter, der kein Unrecht ſtraft, Da ſteht das Recht auf Gunſt und Gab‘, Und nehmen Land und Leute ab.“
Johann der Beſtändige (1525–1532). „Ich kann des göttlichen
Wortes ſo wenig entraten als des Eſſens und Trinkens.“ „Es ſind zween Wege,
entweder Gott verleugnen oder die Welt; denke nun ein jeglicher, welches am
beſten ſei.“ „V. D. M.
Johann Friedrich der Großmütige (Kurfürſt bis 1547, † 1554). „Alles in Ehren.“ „Ich habs geſtallt ins Herrn Gewalt.“
Georg der Bärtige (1500–1539). „
Heinrich der Fromme (1539—1541). „V. D. M.
Moritz (1541–1553). „Vielleicht gelingt’s! Vielleicht glückt mir’s auch!“
„
Vater Auguſt (1553–1586). „
Chriſtian
Chriſtian
Johann Georg
Johann Georg
Johann Georg
Johann Georg
Auguſt der Starke (1694–1733). Als Kurprinz: „
Auguſt
Friedrich Chriſtian (1763). „
Friedrich Auguſt der Gerechte (1763–1827). „Meine Politik iſt die
eines ehrlichen Mannes.“ „In einem 45jährigen Zeitraume Unſerer Regierung
haben Wir unter dem Wechſel der Ereigniſſe die Wohlfahrt des Landes und
das Beſte Unſerer Unterthanen zum einzigen Gegenſtande Unſerer Beſtrebungen
gemacht und für alle Sorgen in dem ſich immer gleich gebliebenen Vertrauen und
der unverbrüchlichen Anhänglichkeit Unſeres Volks die erwünſchteſte Belohnung
gefunden.“ (Patent vom 23. Febr. 1813.) „
Anton der Gütige (1827–1836). „
Friedrich Auguſt
Johann (1854–1873). „Mit Gott für das Recht!“ (Proklamation vom 14. Juni 1866.) „Mit derſelben Treue, mit der ich zum alten Bunde geſtanden, werde ich zu der neuen Verbindung halten.“ (Proklamation vom 26. Okt. 1866.)
Albert. „
Prinz Georg. „Iſt Gott mit mir, wer will wider mich ſein!“ Röm. 8, 31.
Randumſchrift der Silberthaler ſächſiſchen Gepräges, Wahlſpruch und täg liches Gebet aller treuen Sachſenherzen: „Gott ſegne Sachſen!“
[71] Wo aus den zu Gebote ſtehenden Quellen ein beſtimmter Wahlſpruch ſich nicht ermitteln ließ, tritt an deſſen Stelle ein bedeutungsvolles „goldenes Wort“ des betreffen- den Fürſten. Aus den Bemerkungen über die Zeit der Entſtehung und die Ausbreitung der Sitte, Loſungsworte zu erwählen, ergiebt ſich der Grund, weshalb die Zuſammen- ſtellung nicht eher begonnen werden konnte als mit dem Stammvater unſeres erhabenen Königshauſes. Bunte Bilder aus dem Sachſenlande. I. 25
[72] Als dem Könige am 17. Oktober 1829 bei ſeiner Anweſenheit in Zittau ein lateiniſches Gedicht überreicht wurde, antwortete er, das Latein habe er ziemlich ver- geſſen, nur die für einen König wichtigen Worte ‚Suum cuique‘ vergeſſe er nie. 25*