Kapitel 9. Die königlich ſächſiſche Porzellanmanufaktur.

Die Kunſt, Porzellan herzuſtellen, war den Chineſen und Japaneſen ſchon in früheſter Zeit bekannt. Holländiſche Seefahrer brachten das fremdländiſche Porzellan, Tski genannt, mit nach Europa, wo es wegen ſeiner Ähnlichkeit mit dem Gehäuſe der Porzellanſchnecke (cypraea) den Namen Porzellan erhielt.

Der Ruhm, Erfinder des Porzellans für Deutſchland, ja, für das geſamte Europa zu ſein, gebührt dem Alchimiſten Johann Friedrich Böttger.

Böttger, 1662 zu Schleiz geboren, kam nach ſeiner Lehrzeit zu dem Apotheker Zorn nach Berlin, wo er ſich viel mit alchimiſtiſchen Verſuchen beſchäftigte. Durch ſein verfchwenderiſches Leben war er in Schulden geraten, und um ſich ſeinen Gläubigern zu entziehen, verließ er Berlin heimlich und ging nach Witten­ berg, wohin ihm der Ruf eines vielverſprechenden Goldmachers ſchon vorausgeeilt war. Der Kommandant von Wittenberg ſandte ihn an den kurfürſtlichen Hof nach Dresden, obwohl König Friedrich Wilhelm I. von Preußen den entwichenen Böttger zurückforderte und auf deſſen Wiedererlangung eine Belohnung von 1000 Thalern ausgeſetzt hatte. Kurfürſt Auguſt dem Starken, der zu ſeinem glanzvollen Hof­ halte Unſummen brauchte, war der Goldmacher Böttger hochwillkommen, und damit er ihm nicht etwa entfliehe, wurde er unter ſteter Beaufſichtigung gehalten. In Verbindung mit dem kurfürſtlichen Rat Walter von Tſchirnhauſen, einem bedeutenden Naturwiſſenſchaftler, trieb Böttger ſeine alchimiſtiſchen Arbeiten mit großem Fleiß. Den „Stein der Weiſen“ vermochte er zwar nicht zu finden; wohl aber kam er bei einem Verſuche, aus roter, von Ockrilla bei Meißen ſtammender Erde Schmelztiegel zu bereiten, 1705 auf die Erfindung des braunroten Porzellans. Durch dieſen Erfolg ermutigt, ſetzte er ſeine Verſuche fort, und 1708 gelang es ihm, das weiße Porzellan herzuſtellen, wozu er den Stoff in einem Haarpuder, der echten, aus Aue ſtammenden Porzellanerde, entdeckt hatte. Es war ſelbſtverſtänd­ lich, daß Kurfürſt Auguſt dieſer Erfindung einen ganz außerordentlichen Wert beilegte, da in jener dem ausländiſchen Luxus huldigenden Zeit ungeheure Summen für das Porzellan bezahlt wurden; ſoll doch Auguſt der Starke dem König Friedrich Wilhelm I. von Preußen für ein paar Dutzend chineſiſche Porzellanvaſen ein ganzes Regiment Dragoner ſamt Pferden und Ausrüſtung gegeben haben. Böttgers Erfindung fand auch den Beifall der Sachkenner, und daher beſchloß Auguſt der Starke, eine Porzellanfabrik aus Staatsmitteln zu gründen. Als Sitz

38 derſelben wurde auf dringendes Bitten des Meißner Stadtrates die Albrechts­ burg erwählt. Am 6. Juni 1710 wurde die Fabrik feierlich eröffnet und Böttger mit der Leitung derſelben betraut. Aber unter dieſer Leitung vermochte ſich das junge Unternehmen durchaus nicht zu heben, und bei dem ſchon 1719 erfolgten Tode Böttgers befand ſich die Manufaktur in einem Zuſtande vollſter Unordnung. Den Grund hierfür fand die Unterſuchungskommiſſion „in dem unartigen, ver­ änderlichen Sinn, der übeln Wirtſchaft und dem übermäßigem Trinken Böttgers“. Nach Böttgers Tode nahm die Porzellanmanufaktur, namentlich gefördert durch den Maler Herold und den Bildhauer Kändler, einen raſchen Aufſchwung und

Johann Friedrich Böttger. Johann Friedrich Böttger.

eine künſtleriſche Bedeu­ tung, ſo daß ſie bald einen europäiſchen Ruf erlangte. Das Perſonal der Manu­ faktur ſtieg von 29 auf 800, und während im Jahre 1720 die Geſamt­ einnahme 9664 Thaler be­ trug, ſteigerte ſich dieſelbe bis zum Jahre 1752 auf jährlich 222580 Thaler. Durch die nun folgenden Kriegsunruhen drohte aber dem aufblühenden Unter­ nehmen der Untergang. Schon während des zweiten ſchleſiſchen Krieges wurde der Betrieb weſentlich ge­ ſtört; im ſiebenjährigen Kriege aber beſchlagnahmte Friedrich II. die Manu­ faktur, ließ Modelle und Warenvorräte wegführen und viele geſchickte Arbeiter nach der 1751 in Berlin begründeten Porzellanfabrik verſetzen. Nur dem klugen Vorgehen des Kommerzienrates Helbig, welcher die Meißner Manufaktur vom preußiſchen König für eine jährliche Summe von 60000 Thalern erpachtete, iſt das Fortbeſtehen derſelben zu danken.

Nach dem Kriege begann für die Meißner Porzellanmanufaktur eine neue Blütezeit. Künſtleriſche Kräfte wurden von auswärts berufen, und angeſpornt durch die Konkurrenz anderer neu entſtandener Manufakturen, entwickelte ſich ein reges Leben. Doch dieſer Aufſchwung währte leider nur kurze Zeit. Der Abſatz nach außen verringerte ſich, und in den Kriegsunruhen der Napoleoniſchen Zeit ſtockte der Betrieb auf einige Zeit ganz. Das Perſonal, das 1765 über 700 Arbeiter gezählt hatte, war 1810, in welchem Jahre man unter allerdings recht

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trüben Ausſichten das Jubiläum des 100jährigen Beſtehens der Manufaktur feierte, bis auf 510 zurückgegangen. Mit der Wiederkehr des Friedens begann ein erneuter geſchäftlicher und künſtleriſcher Aufſchwung, und ſeit 1832 lieferte die Manufaktur Überſchüſſe, die teils zur Erweiterung des Betriebes benutzt wurden, teils der Staatskaſſe zufloſſen.

Einen bedeutungsvollen Wendepunkt für die Entwickelung der Porzellan­ manufaktur bildete das Jahr 1863. In dieſem Jahre wurde dieſelbe aus der Albrechtsburg nach den dazu beſonders erbauten und praktiſch angelegten Räumen verlegt und ihr dadurch die Möglichteit gegeben, ſich bedeutend zu erweitern.

Gegenwärtig ſind in der Königlichen Manufaktur über 700 Arbeitskräfte be­ ſchäftigt; davon arbeiten in der Geſtaltungsbranche 170, die unter Leitung eines

Die königliche Porzellanfabrik im Triebiſchthale. Die königliche Porzellanfabrik im Triebiſchthale.

tüchtigen Bildhauers, des Geſtaltungsvorſtehers Profeſſor Andrä, ſtehen, und 330 in der Malerei unter Leitung des kunſtſinnigen Malers Profeſſor Sturm. Die Oberleitung der Manufaktur liegt in den Händen des Direktors Finanzrat Raithel. Der jährliche Umſatz beziffert ſich neuerdings auf weit über 1½ Million Mark, und der etatmäßige Überſchuß bewegte ſich in den letzten Jahren zwiſchen 240–400000 Mark.

Werfen wir nun auch einen Blick auf die Entſtehung des Porzellans, in­ dem wir die Manufakturräume durchwandern.

Wor betreten zuerſt die Lagerräume, in welchen die Rohſtoffe, Porzellanthon (Kaolin), Feldſpat und Quarz, aufgeftapelt ſind. Die Porzellanerde, eine Ver­ witterung aus feldſpatreichem Porphyr, wird aus den der Manufaktur gehörigen Gruben zu Seilitz bei Meißen und Sornzig bei Mügeln gewonnen; Feldſpat und Quarz bezieht man aus Norwegen.

Die rohe Porzellanerde kommt zunächſt in die Schlemmerei. Hier ſtehen große Bottiche, in welchen der Thon mit Waſſer zu einem dünnflüſſigen Brei

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angerührt wird, etagenartig übereinander. Indem nun die Maſſe von Bottich zu Bottich herabfließt, ſcheiden ſich alle unreinen Beſtandteile aus, und man gewinnt dadurch das reine Kaolin. In einem weiteren Raume werden Feldſpat und Quarz durch Stampfwerke und Mühlen zu einem ſeinen Staub zermalmt. Die geſchlemmte (gereinigte) Porzellanerde wird mit dem pulveriſierten Feldſpat vermiſcht und durchknetet, und dieſe Maſſe muß dann in Zementgruben ſo lange liegen, bis ſie „reif“ iſt. Als zäher Teig gelangt hierauf die reife Maſſe in die Geſtaltung, wo ſie Form und Geſtalt gewinnt. Das Geſtalten geſchieht entweder durch Drehen auf der Drehſcheibe oder Tellerdrehmaſchine oder durch Preſſen in Gipsmodelle. Einzelne Gegenſtände, z. B. Blumen, werden auch ohne Hilfsmittel frei geformt. Die feinen Spitzenſchleier der Porzellanfiguren fertigt man in der Weiſe, daß man ein feines Gewebe in dünne Porzellanflüſſigkeit taucht. In der Gluthitze des Brennofens verbrennt das Gewebe, und die Por­ zellanmaſſe bleibt in ſeinen, zierlichen Fäden zurück. Nachdem die geformten Gegenſtände bei gelinder Wärme getrocknet ſind, gelangen ſie in den Brennofen.

Die Königliche Manufaktur beſitzt ſieben Brennöfen, die ſich in drei Etagen erheben und im unteren Teil fünf bis ſechs Feuerungen haben. Die Porzellan­ gegenſtände werden, einzeln in Chamottekapſeln (Muffeln) eingeſchloſſen, zunächſt in die mittlere Abteilung des Ofens gebracht, wo ſie bei einer Hitze von etwa 1000°C. verglühen. Nach dieſem erſten Brande, der 20–24 Stunden währt, werden diejenigen Gegenſtände, die unter Glaſur gemalt werden ſollen, fertig dekoriert, worauf ſie mit den übrigen in den Glaſurraum gelangen. In demſelben ſtehen große Gefäße mit der Glaſurmaſſe, welche aus einer Miſchung von Waſſer, Kalk, pulveriſierten Porzellanſcherben und Quarz beſteht. Die Porzellangegen­ ſtände werden in dieſe Flüſſigkeit eingetaucht, ſo daß ſie einen weißlichen Überzug erhalten, kommen ſodann abermals in den Brennofen und zwar in die unterſte Abteilung, wo ſie bei einer überhaupt nur erreichbaren Hitze von 1600° C. „gut gebrannt“ werden. Durch dieſen Brand erhalten die Porzellangegenſtände die wunderbare Glaſur, und die eingebrannten Farben erſcheinen im ſchönſten Metall­ glanze. Die Vergoldungen und die meiſten buntfarbigen Muſter werden auf die Glaſur aufgetragen, und dieſe Gegenſtände werden dann in der oberſten Abteilung des Brennofens zum dritten Male gebrannt.

Wir beſchließen unſere Wanderung durch die Räume der Manufaktur, indem wir in den Niederlagsraum eintreten, in welchem die verſchiedenſten Kunſtwerke von den kleinen Nippſachen bis zu den mächtigen Vaſen, vom einfachſten Teller bis zu den koſtbarſten Prachtſtücken in maleriſcher Gruppierung auſgeſtellt ſind.

Von den Niederlagsräumen wandert das Meißner Porzellan hinaus in alle Weltgegenden; denn das Abſatzgebiet der Königlichen Manufaktur erſtreckt ſich auf alle Erdteile. Überall wird das Meißner Porzellan, das als Schutzmarke die be­ kannten gekreuzten Kurſchwerter trägt, geſchätzt und geſucht. Das Hauptabſatzgebiet iſt Deutſchland; dann folgen verſchiedene andere europäiſche Staaten, wie Öſterreich­ Ungarn, England, Schweiz, Skandinavien, Rußland u. ſ. w. Ganz bedeutend iſt auch der Abſatz nach Amerika, beſonders nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas, ſowie nach Auſtralien und der Türkei.

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Wohl ſind der Meißner Porzellanmanufaktur im Laufe der Jahre mächtige Konkurrenzanſtalten erwachſen, ſo namentlich in Sèvres bei Paris, in Berlin, Wien u. ſ. w.; ſtets aber hat ſich die Meißner Fabrik neben dem Ruhme, die älteſte zu ſein, ihren künſtleriſchen Ruf treu bewahrt.

E.Raſche.